Dr. Wilfried Schütte
Transkription im gesprächsanalytischen Sinne ist eine Verschriftung von Gesprächsaufnahmen, die als Audio- oder Videodateien vorliegen. Für die Transkription werden alle Aspekte von natürlichen Gesprächen in sozialer Interaktion berücksichtigt, die für die Gesprächsforschung relevant sind. Transkripte in der Gesprächsforschung unterscheiden sich damit von z.B. Zeitungsinterviews, in denen alle Äußerungen an die Normen der schriftsprachlichen Grammatik angepasst werden. Deren orthographische und grammatische Regeln sind nicht auf Gespräche übertragbar - was in schriftsprachlichen Grammatiken als Fehler oder Abweichung angesehen wird, ist in Alltagsgesprächen ganz normal.
Was über den Sprechtext hinaus zu transkribieren ist, hängt von den spezifischen Forschungsinteressen in einzelnen Projekten ab. So sind auch zweck- und zielgruppengebunden unterschiedliche Transkriptionsversionen legitimiert, um unterschiedliche Untersuchungsfragen, Arbeitsbedingungen und Adressatenkreise zu bedienen (Deppermann 2008). U.a. enthalten Transkripte folgende Aspekte und Phänomene:
Transkripte, die nicht nur den Sprechtext, sondern verschiedene Dimensionen interaktiven Verhaltens erfassen, werden auch als "multimodal" bezeichnet.
Benötigt werden Transkripte für die gesprächsanalytische Arbeit, um Strukturen, Muster und Phänomene in Gesprächen in der Analyse zu erkennen und analytische Beschreibungen in der didaktischen Vermittlung und Publikation belegen zu können. Dabei geht man von der Analyseprämisse "order at all points" (Sacks 1984) aus, nach der jedes Detail in der sozialen Interaktion als sinnvoll motiviert zu behandeln und keines von vornherein als zufällig oder unwichtig auszuschließen ist. Weder Transkripte noch Gesprächsaufnahmen können in der Arbeitspraxis der Gesprächsforschung unabhängig voneinander verwendet werden: In Transkripten lassen sich Verläufe leichter überblicken, Datensegmente beliebig lange in verschiedenen Auflösungsniveaus untersuchen und Textstellen simultan vergleichen. Alle Interpretationen und Analysen müssen aber berücksichtigen, dass Transkripte Abstraktionen des Gesprächsgeschehens auf Grund von Modellvorstellungen darstellen, und stets auf die Aufnahmen selbst zurückgreifen.
Transkriptionen orientieren sich dazu an eigens für gesprochene Sprache entwickelten Transkriptionskonventionen. Damit Transkripte innerhalb der gesprächsanalytischen Community leicht zu lesen sind und von einem Projekt zu einem anderen ausgetauscht werden können, zielen diese Konventionen auf eine Standardisierung ab. Für die Transkripte im IDS benutzen wir das "Gesprächsanalytische Transkribieren (GAT)" (Selting et al. 1998), da diese Konventionen derzeit am besten prinzipiell widersprüchliche Anforderungen vereinbaren: Sie sind auf der einen Seite einfach zu lesen, schnell zu erlernen und unproblematisch zu realisieren - sie sind umfassend, präzise auch bei der isomorphen Repräsentation formbezogener Parameter unter weitgehendem Verzicht auf Interpretation auf der anderen. GAT bedient sich einer Zeilenschreibweise, in der die Beiträge der Sprecher chronologisch untereinander geschrieben und dabei in Intonationsphrasen segmentiert werden. Die Lautung wird in literarischer Umschrift wiedergegeben, bei der in Anlehnung an die Standardorthografie umgangssprachliche und dialektale Lautungen berücksichtigt werden (z.B. "des mache mer jetz"). Die Konventionen von 1998 werden derzeit überarbeitet (GAT 2), auch um sie an aktuelle Anforderungen der computergestützten Weiterverarbeitung und Multimodalität anzupassen. Transkripte können mit einem beliebigen Textverarbeitungsprogramm wie Microsoft Word erstellt werden. Wenn man sie computergestützt weiterverarbeiten möchte bis hin zu einer im Internet recherchierbaren Gesprächsdatenbank (FOLK), ist es aber notwendig, Transkripte mit einem speziellen Editor zu erstellen, der sie daraufhin überprüft, ob die Konventionen strikt eingehalten wurden, sie im XML-Format ablegt, zudem Korrekturen im häufig komplexen und arbeitsteiligen Editierprozess vereinfacht (vgl. Deppermann/Schütte 2008). Im FOLK-Projekt wird der Editor FOLKER verwendet. Andere verbreitete Editoren sind EXMARaLDA und das besonders für multimodale Transkripte geeignete ELAN. Im IDS-Projekt "Deutsch heute" wird Praat als Transkriptionseditor benutzt. Die genannten Editoren koppeln die Mediendateien (Audio und Video) segmentweise mit den Transkripten, so dass die Dateien synchron abgespielt und Recherchetreffer im Transkript auch sogleich in der Mediendatei angesteuert werden können. Bislang nicht synchronisierte Transkripte, z.B. zu den DIDA-Korpora des IDS, können mit dem sog. Text-Ton-Alignment nachträglich synchronisiert werden.
Literatur:
Deppermann, Arnulf (2008): Gespräche analysieren. Eine Einführung. Wiesbaden, 4. Aufl., Kapitel 5: Transkription.
Deppermann, Arnulf/Schütte, Wilfried (2008): Data and transcription. In: Antos, Gerd/ Ventola, Eija/ Weber, Tilo (Hrsg.): Handbook of Applied Linguistics. Band 2: Interpersonal Communication. Berlin/New York: De Gruyter, 179-213.
Sacks, Harvey (1984): Notes on methodology. In: Atkinson, J.M./Heritage, J. (eds.), Structures of social action. Cambridge, 21-27
Selting, Margret/Auer, Peter/Barden, Birgit/Bergmann, Jörg/Couper-Kuhlen, Elizabeth/Günthner, Susanne/Meier, Christoph/Quasthoff, Uta/Schlobinski, Peter/Uhmann, Susanne(1998): Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (GAT). In: Linguistische Berichte 173, 1998, 91-122.
Weitere Literatur kann in der GAIS-Bibliografie
z.B. über die Suchmuster *transkription* oder *transcription* im Titel-Feld recherchiert werden.